„Inmitten der ziellosen Wanderschaft des vorgeschichtlichen Menschen waren die Toten die ersten, die dauernde Wohnung fanden.“ (Lewis Mumford, 1961)

Neue Ordnungen privater Räume – Die Wohnung als Spiegel des Selbst

Das Bedürfnis nach Einigelung, nach Intimräumen und Abgrenzung nach Außen ist von innovativen Konzernen längst als Marktwert erkannt worden und wird mit Wortspielen wie: „Ein kleines Zuhause für große Ideen“, „Einrichtung ist Lebensart“ oder „Wohnen auf deine Art“ beworben.[1] Neue Einrichtungsgegenstände, die erst angeeignet werden wollen, frisch verlegte Bodenbeläge oder steril aufgeräumte Küchen verweisen auf die rationalen Strukturen der Ökonomie, von der die Gegenstände auch produziert worden sind. Dieser Umgang mit Struktur, Rationalität, Knappheit, Überangebot, Konkurrenz fordert das Bedürfnis nach der Aneignung der eigenen Räume heraus und beschreibt den hohen Wert der Wohnung für die Menschen. Die gestiegene Bedeutung „selbst“ sein zu können (ja zu müssen), markiert die wesentlichsten Veränderungen im Wohnen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Abgrenzung, Selbstdarstellung, Anhäufung von materiellen Werten werden höher bewertet als Gemeinsamkeiten. Der Schutz, den die Wohnung bietet, wird „gleichzeitig Schranke und Einschränkung, produziert Stärke und Schwäche, schafft nicht nur Liebe und Geborgenheit, sondern auch unkontrollierte Aggression und Gewalt.“[2] Die Folgen der Individualisierung spiegeln sich vielfach in suburbanen Einfamilienhaussiedlungen. Die symbolische Präsentation von Reichtum und Abgrenzung gegenüber Anderen funktioniert hier wohl am Besten.

Die Aneignung der urbanen Umlandgebiete ist geprägt vom modernen Fortschrittsgedanken des Wirtschaftsaufschwunges der Nachkriegsjahre. Die Anhäufung von Eigentum und ökonomischem Kapital wurde zum Lebensstil: nicht zuletzt auch, um sich von jenen abzugrenzen, die sich kein eigenes Haus leisten konnten. In Europa – aber besonders auch in den USA – ist die Suburbanisierung seit den 1960er Jahren massiv angestiegen, der Traum vom Eigenheim wurde überaus bestimmend.[3] Beschleunigt wurde die Suburbanisierung durch niedrige Grundstückspreise im Umland und durch die Verdrängung von Wohnraum in den Innenstädten durch die Ansiedlung von Banken und globalen Handelsketten. Staatliche Förderungen machten den Bau von Einfamilienhäusern äußerst attraktiv, was allerdings einen enormen Flächenverbrauch mit sich brachte. Die relative Anonymität der Menschen in ihrer Funktion innerhalb der Arbeitswelt benötigte als Gegenbild ein entsprechendes räumliches Umfeld um sich als Person, als Mensch mit eigenen Gefühlen und Bedürfnissen darstellen und abgrenzen zu können: zum Beispiel von jenen die in Reihen- oder Doppelhäuser oder gar in Geschosswohnungen wohnten. Was die meisten Wohnungsgrundrisse, trotz aller Abgrenzungsversuche miteinander verbindet, ist die seit dem frühen 19. Jahrhundert zu beobachtende Funktionstrennung der unterschiedlichen Räume: Seit dieser Zeit werden die Räume einem bestimmten Zweck und bestimmten Personen zugewiesen.[4] Wohnungen bestehen also auch aus Zeichensystemen, die uns sagen, wer wir sind und wer wir nicht sind. Wohnungen, in Eigentum oder in Miete vermitteln zwischen eigene Gefühlen und jenen, die uns von unserer Arbeits- oder auch Freizeitwelt vermittelt werden. Wohnen, sich different sehen, kann als eine Art kollektives Unterbewusstes beschrieben werden an dem alle Menschen gleichermaßen teilhaben wollen. Erst, wenn wir uns vom Anderen different sehen, erkennen wir uns selbst. Diese Selbsterkenntnis im eigenen Raum – die Wohnung als Spiegel des Selbst – wird besonders wichtig, wenn das Arbeitsumfeld zur Belastung wird. Eigene Räume werden in einer Zeit der globalisierten Ökonomie immer wichtiger, um sich selbst reflektieren zu können, ob nun mit der Familie gewohnt wird, mit Freunden, einem Partner oder alleine. Auch wenn man umzieht und seinen Lebensstil verändert, neue Wohnzimmermöbel anschafft, so behält man einige Gegenstände sein Leben lang, denn sie helfen die Identität den Anforderungen der neuen Umgebung anzupassen. In neue Lebens- und Arbeitsbedingungen muss man sich genauso eingewöhnen wie in eine neue Wohnumgebung.

Abweichungen von der Norm

Aneignungsmöglichkeiten von Wohnraum abseits gängiger Grundriss- und Bauformen wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen wenn wir bedenken, dass für ältere Menschen der Wohnalltag zum Hindernis werden kann. Im Jahr 2030 wird der Grossteil der Bevölkerung zwischen 60 und 80 Jahre alt sein. Diese Prognose beeinflusst schon heute den gesellschaftlichen Diskurs über das Altern. Die Funktionen, die eine Wohnung bieten reichen nicht mehr aus, betrachtet man die Dienstleistungen die rund ums Wohnen im Alter entstehen: Essenszustelldienste bringen Mahlzeiten, Wäsche- und Reinigungsdienste waschen die Wäsche, Fahrtendienste bringen ältere Menschen an Ziele, die sie selbst nicht mehr erreichen können. Bei Einsamkeit kann ein Besuchsdienst angefordert werden. Betreutes Wohnen will so viel Selbständigkeit wie möglich erhalten, aber auch so viel Hilfe wie nötig bieten. Geriatrische Tageszentren vereinen das Wohnen in den eigenen vier Wänden mit Betreuung, Unterhaltung, Körperpflege und Therapien. Seniorenresidenzen verweisen auf soziale Differenzierungen im Alter und bieten betreutes Wohnen auf gehobenem Niveau. Neue Pflegeformen bei denen Individualität und Autonomie im Vordergrund stehen sind Pflegewohnungen in familiärem Umfeld wo Alt und Jung gemeinsam zusammenwohnen sollen. Die Aneignung von Wohnraum ist im Alter an eine Vielzahl unterschiedlicher Bedürfnisse gebunden die über die reine Zur-Verfügung-Stellung von Wohnraum hinausgehen. Gleichzeitig müssen Wohnraum und Altersversorgung auch für die Zukunft gesichert bleiben. Ob der Wohnraum nicht grundsätzlich ein Ort sein sollte, der den Menschen zumindest bis zu einer bestimmten Wohnungsgröße zur Verfügung gestellt werden soll, drängt sich beim Thema Armut und Obdachlose auf. 2005 lebten in Deutschland rund 345.000 Menschen ohne Wohnung. Besonders Frauen nehmen Hilfsangebote wie Frauenhäuser erst in allerletzter Konsequenz an. Steigende Mieten und inflationäre Wirtschaft drängen immer mehr Menschen in die Armutsfalle.

Eigene Räume und plurale Lebensstile

Die globalen Handlungspraxen der Arbeitswelt machen einen Wohnraum erforderlich, in dem wir uns wiedererkennen sollten. Die eigene Wohnung wurde zu einem Ort, an dem Probleme gelöst werden sollen, die uns in der Öffentlichkeit begegnen. Parallel zu dieser Trennung von privaten und öffentlichen Räumen bildet die Wohnung einen Ort zur individuellen Aneignung und Selbstdarstellung. Singlewohnen, mobiles Wohnen oder das Wohnen im Hotel sind zu selbständigen Lebensstilen geworden und verweisen auf einen neuen kulturellen Pluralismus. Die Brachen der schrumpfenden Städte[5] zeigen, dass der Anhäufung materiellen Besitzes Grenzen gesetzt werden, besonders dann, wenn viele prekäre Situationen am Arbeits- und Wohnungsmarkt durch wirtschaftliche Krisen verstärkt wird. Die Entwicklung des Wohnbaus zielt vermehrt auf eine Mischung unterschiedlicher Nutzungen ab. Vermehrt wird darauf geachtet, sowohl unterschiedliche Wohnungsgrößen innerhalb eines Wohnkomplexes zu vereinen, als auch öffentliche Einrichtungen wie Restaurants, Seminarräume oder Bäder an Wohnanlagen anzubinden. Viele Architekten wollen einen vielschichtigen Wohnbau mit Zwischenräumen zur Verfügung stellen. Inhaltlich ist die Verknüpfung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit aktuelles Thema im Wohnbau. Wohngebiete müssen Räume zur Verfügung stellen, wo sich die Menschen begegnen können, Räume in denen die Menschen abseits der globalen Beschleunigung Zeit finden.

 

Autor: Manfred Omahna: Eigene Räume, in: Peter Janisch, Christina Heinz (Hg.): In Bewegung. Wie Alltag sich verändert, Veröffentlichungen des Freilichtmuseums Hessenpark, Frankfurt am Main: 2009, S. 18-25

 

Anmerkungen:

[1] vgl. IKEA Kataloge, 1996, 1999 und 2008.

[2] Elisabeth Katschnig-Fasch: Möblierter Sinn. Städtische Wohn- und Lebensstile. Wien, Köln, Weimar 1998, S. 81.

[3] Wohnungen über 120m² sind zu 80% Eigentümerwohneinheiten, vgl. Statistisches Jahrbuch 2006, 281.

[4] Adelheid Saldern: Im Hause, zu Hause. Wohnen im Spannungsfeld von Gegebenheiten und Aneignung. In: Reulecke, Jürgen (Hg.): Geschichte des Wohnens. 1800 – 1918 Das bürgerliche Zeitalter. Stuttgart 1997, S. 175.

[5] vgl. Philipp Oswald (Hg.): Schrumpfende Städte. Berlin 2004.

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