Das, was wir in unserer sozialen und kulturellen Alltagserfahrung wahrnehmen und erleben, definiert den persönlichen, vom Habitus abhängigen Raum. Die alltägliche Erfahrung einer bestimmten räumlichen Umgebung legt die sozialen und kulturellen Differenzen zwischen den Menschen dar. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive beschreiben die persönlichen Realitäten unterschiedliche (Lebens-)Qualitäten, denen eine spezifische Wahrnehmung des Raumes und der sozialen und kulturellen Umgebung inhärent ist. Die individuelle Reflexion über den Alltagsraum beschreibt die je eigene Raumkompetenz – das Wissen über die „Kon­struktion“ der eigenen Lebenswelt. Die Interpretation des Lebensraumes steht in Beziehung zum sozialen und kulturellen Feld und ist deshalb eine stetige Veränderung und Neuorientierung unterworfen. Die Raumkompetenz stellt die Beziehung zwischen personaler, sozialer und kultureller Welt her. Sie kann als individualisierter Teilbereich eines sozia­len Feldes bezeichnet werden und verweist auf den Umstand, dass jeder Einzelne jede Einzelne Experte/Expertin seiner/ihrer Lebenswelt ist. Die Raumkompetenz beschreibt das Wissen über die Qualitäten und über die Probleme innerhalb des jeweils eigenen Umgebungsraumes.

Menschen, die in einer Wohnsiedlung leben, die Großteiles von Menschen mittlerer oder unterer Einkommensschichten bewohnt werden, haben eine spezifische Beziehung zu ihrer Umgebung, die sich von Men­schen, die beispielsweise in einer Einfamilienhaussiedlung leben, signifi­kant unterscheidet: Das Wissen über die Gemeinnützigkeit einer Woh­nung formuliert einen spezifischen Umgang mit Gebrauchsgegenständen, der darauf verweist, dass sie nicht für die Ewigkeit bestimmt sind: Die persönliche Bindung an das Objekt ist nicht absolut. Die Beziehung zum eigenen Haus hingegen, verweist auf Besitz und Dauerhaftigkeit – zur Möglichkeit des Erbens und der Besitzstandssicherung. Die alltägliche Wahrnehmung formuliert eine spezifische Ideologie, immer wieder, jeden Tag aufs Neue. Die neoliberalen Werte der Globalisierung bilden mit ih­rer Produktpalette an Gebrauchsgegenständen den Rahmen der individu­ellen Wahrnehmung. Die Differenzierung dessen, wie und weshalb Ge­genstände von unterschiedlichen Milieus angeeignet werden, ist durch die Überfülle an Informationen und Produkten fast grenzenlos geworden. Am größten ist die Differenz allerdings zwischen den Menschen die ständig Besitz anhäufen und all jenen Menschen, die sich einer stetigen Aneignung von Dingen entziehen. Menschen, die nicht den Idealen des globalen Fortschrittes entsprechen, stehen mehr und mehr im Abseits – das heißt auch, dass es Menschen gibt, die einen anderen Umgang mit der materiellen Welt pflegen und somit über eine andere „Raumkompetenz“ verfügen als es vermeintlich „üblich“ ist. Sie ist abhängig von der jeweili­gen Position im sozialen und kulturellen Raum. Aus der individuellen Raumkompetenz in Beziehung zum spezifischen sozialen Feld ergeben sich konkurrierende Vorstellungen über den Raum, die um den Erhalt oder die Veränderung der Kräfte ringen.[1] Soziale und kulturelle Felder sind als Netze von „objektiven Relationen zwischen Positionen zu definieren“.[2] Diese Positionen sind objektiv definiert und lassen sich auch als soziale und kulturelle Mikrokosmen bezeichnen, die einer spezifischen Logik und Notwendigkeit unterliegen.[3] Ich möchte hier der Frage nachge­hen, wie es möglich ist, dass sich bestimmte Positionen gegenüber anderen durchsetzen. Welche unterschiedlichen (kulturellen) Felder wer­den innerhalb eines lokalen Raumes unter den Bedingungen der Globali­sierung sichtbar und inwiefern unterscheiden sie sich untereinander? Wie unterscheiden sich die jeweiligen Wahrnehmungsformen (Interpretatio­nen) des Raumes und wie entstehen oder formieren sich dabei Aus- bzw. Eingrenzungsmechanismen? Bei der Frage nach der Pluralität von Räu­men – beispielsweise die Innenstadt von Graz – geht es um das Maß der Differenz unterschiedlicher Sichtweisen. Die Raumkompetenz der Jugendlichen, die Räume für Sportaktivitäten nutzen, ist eine andere als jene der alteingesessenen Be­wohner oder jener, die in den global agierenden Geschäften wie H&M oder BOSS arbeiten. Die jeweiligen „Akteure“ eines Feldes sind jedoch befangen; sie spielen gegeneinander, „weil sie alle den Glauben an das Spiel und den entsprechenden Einsatz nicht weiter hinterfragen und die­ses heimliche Einverständnis ist der Ursprung ihrer Konkurrenz und ih­rer Konflikte.“[4]

Innerhalb der verschiedenen Felder variieren nicht nur die Hierarchien der verschiedenen Kapitalsorten, sondern auch die Sicht, der Blickwinkel auf andere Mikrokosmen. Der Blick des akademischen Milieus auf – bei­spielsweise – das Milieu der Migranten ist ein offener, ein liberaler; den­noch ist dieser Blick problematisch, worauf Jens Dangschat verweist[5], weil die Akademiker kaum persönlich, also in ihrer realen Lebenswelt, mit Migranten und ihren Schwierigkeiten in Kontakt kommen. Der Blick bleibt ein theoretischer. Der Blick, mit dem die Akteure auf die anderen Mikrokosmen schauen, definiert auch den Blick auf die Stadt. Jeder und jede kann seine/ihre Stadt oder seinen/ihren Umgebungsraum einteilen in gute oder weniger gute Stadtteile, jeder und jede kann beschreiben, in welchen Stadtteilen er oder sie sich am häufigsten aufhält und warum nicht woanders. Die Form der Wahrnehmung ist von der persönlichen beziehungsweise habituellen Erfahrung abhängig. Die Definitionsmacht bestimmt die Bewertung der Stadt. So werden beispielsweise im Banken­viertel in Frankfurt am Main eigene Hochhausfestivals veranstaltet um die Bedeutung der Skyscrapers zu unterstreichen und dem Zeichen der unumstößlichen Ideologie des Kapitals noch ein weiteres, das des Ver­gnügens, hinzuzufügen. Mit dem Event setzt der „globale Effekt“ ein. Hier kann sich jeder und jede beteiligen und alle können Spaß haben um am nächsten Morgen wieder im eigenen Mikrokosmos zu „funktionieren“. Jeder und jede ist in seinem/ihrem Feld Experte des Mikrokosmos. Die Raumkompetenz beschreibt die individuelle Interpretation über ei­nen Raum – über Qualitäten, Probleme und den bestehenden differenten Diskursformen.

Diese Kompetenz ist unmittelbar an Dinge gebunden, denen man im Alltag begegnet: „Die Dinge existieren nicht, ohne voller Menschen zu sein, und je komplexer und moderner diese Dinge sind, desto zahlreicher sind die Menschen, von denen es in ihnen wimmelt. (…) Betrachtet man die Dinge, so stößt man auf Menschen. Betrachtet man die Menschen, so wird gerade dadurch das Interesse für die Dinge geweckt.“[6] Die Differen­ziertheit der Dinge, beispielsweise der Architektur mit ihren unterschiedlichen Gebäudetypen, lässt auf die Differenziertheit der Ge­sellschaft schließen. Ohne eine plurale Gesellschaft wäre eine Globalisie­rung im Sinne der neoliberalen Ökonomie nicht denkbar.

Autor: Manfred Omahna: Plurale Räume. Mentale Stadterfahrung als Instrument globaler Praktiken, Internationale Hochschulschriften, Münster, New York, München, Berlin, Waxmann: 2006, S. 21-23.

Anmerkungen:

[1] vgl. Pierre Bourdieu: Reflexive Anthropologie, 1996, S. 131.

[2] ebd. S. 127.

[3] vgl. ebd.

[4] ebd. S. 128.

[5] vgl. Jens Dangschat: Warum ziehen sich Gegensätze nicht an? 1998, S. 30.

[6] Bruno Latour: Der Berliner Schlüssel, 1996. S. 37 und S. 50.

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