Rezension zu: Susanne Hofmann (Hg.): Partizipation macht Architektur. Die Baupiloten – Methode und Projekte, Berlin: 2014.

Lässt sich Architektur in partizipativen Entwurfsprozessen entwickeln und kann sie zugleich die von Vitruv postulierten Anforderungen Konstruktion, Schönheit und Nützlichkeit erfüllen? Welche unterschiedlichen Beteiligungsmodelle wandten Architekten in den vergangenen Jahrzehnten an und welche Schlüsse können wir daraus ziehen? In der hier diskutierten Publikation Partizipation macht Architektur beschreibt die Autorin Susanne Hofmann aufschlussreich ihre theoretischen Überlegungen über die Sinnhaftigkeit von Partizipation in der Architektur. Sie geht dabei auch auf den akademischen Diskurs ein und zeigt praxisorientierte Anleitungen und Methoden, die sie im Zuge ihrer eigenen Praxis entwickelt hat.

Zunächst wirft sie einen Blick auf existierende Planungsstrategien in partizipativen Entwurfsprozessen. Beginnend mit dem „Design Methods Movement“ in den 1960er Jahren, beschreibt Hofmann Ansätze bei denen sich Nutzer überwiegend in vorgegebene Systeme einbringen (z.B. A Pattern Language, 1977). Diese waren rationalisierte Entwurfsverfahren mit mehr oder weniger starken ästhetischen Vorgaben seitens der Architekten. Innerhalb dieser Systeme wiederum konnten sich die Nutzer entfalten. Es stellte sich aber auch heraus, dass zu große Freiräume in der Planung ohne architektonische Expertise bei Nutzern zu Überforderung führen. (S.13)

Schrittweise nähert sich Hofmann auf theoretischer Ebene ihrem eigenen Zugang an. Sie formuliert den architektonischen Entwurf als gemeinsamen Erkenntnisprozess bei dem sowohl das Nutzer- als auch das Architektenwissen zusammenwirken müssen. Es dürfe dabei keine Wertigkeit verliehen werden, das benötigte Wissen für den Entwurfsprozess und die Planung kenne keine Hierarchien. Dabei sei das Nutzerwissen eine besondere Art des Wissens, da es sich aus der alltäglichen Nutzung von Gegenständen oder Räumen ergibt. Dies sei für den Entwurfsprozess auch entscheidend, denn daran bemesse sich der Gebrauchswert der Architektur.[1] (S.18)

Hofmann betont daher die „vertrauensvolle Interaktion zwischen Bauherrn beziehungsweise Nutzern und Architekten“. Das Entwerfen sei nämlich ein komplexer und integrativer Prozess, der „nicht ohne eine subjektive und intuitiv-emotionale Komponente“ auskomme. (S.19)

Das entscheidende Element ist die Form der Kommunikation zwischen Architekt und Nutzer. Studien haben gezeigt, dass Nutzer zuerst die Atmosphäre eines Raumes oder Gebäudes untersuchen und erst dann die materielle und bauliche Beschaffenheit während es bei Architekten genau umgekehrt ist.[2] (S. 21)

Daraus leitet sich die Schlussfolgerung ab, dass Kommunikationsinstrumente mit einer hohen atmosphärischen und spielerischen Wirkung die höchste Verständigungsqualität haben. Hofmann geht einen Schritt weiter und bezeichnet Raumwahrnehmung und Atmosphäre als „Mittel der Kommunikation“. Die leibliche und sinnliche Erfahrung von Räumen spielt dabei die entscheidende Rolle, denn diese machen sowohl Architekten als auch Nutzer. (S. 23)

Folglich beschreibt Hofmann die Atmosphäre als partizipative Entwurfsstrategie. Diese gäben Experten und Laien die Möglichkeit über Raumqualitäten miteinander zu kommunizieren. Für den Prozess sei wichtig, dass er je nach Ausgangslage konzipiert werden müsse. Das wichtigste Instrument für die Verständigung sei die gemeinsame Entwicklung einer Geschichte (Fiktion). Über Atmosphäre und gemeinsamer Fiktion entwickelten die Baupiloten das architektonische Konzept „Form follows fiction“. Einfließende Wünsche oder Ideen werden dabei gemeinsam „interpretiert und reflektiert“ und daraus wiederum lassen sich Entscheidungen für den Entwurf ableiten. (S. 26ff)

Im Anschluss an die theoretische Einführung beschreibt Hofmann übersichtlich die einzelnen Methodenbausteine der Baupiloten, eingeteilt in die Kategorien Atmosphäre, Nutzeralltag, Wunschforschung und Rückkopplung. Diese Anleitungen beinhalten genaue Beschreibungen über Sinn und Zweck der Übung und können je nach Anforderung oder Situation angewendet werden. Sehr praktisch sind die tabellarischen Aufstellungen der einzelnen Methoden (S. 44ff) sowie Anleitungen zur Herstellung von Spielesets die man in Kombination mit den Methodenbausteinen verwenden kann. (S.108ff) Den letzten und längsten Abschnitt widmet Hofmann den Projekten der Baupiloten die mit den zuvor beschriebenen Methoden entwickelt wurden. Die Vielfältigkeit dieser teils mit Preisen ausgezeichneten Projekte ist ebenso beeindruckend wie inspirierend: Es beinhaltet Projekte die von der Pike auf von den Baupiloten entwickelt wurden, als auch Sanierungen, Neu- oder Umbauten bis hin zu kleineren Adaptierungen. (S. 116ff)

Hofmann stellt die grundsätzliche Frage nach Sinnhaftigkeit, Nutzen und Wirkung von Partizipationsprozessen. Oftmals gebe es Vorurteile dagegen oder sie würden als Alibi, Selbstzweck oder ökonomisch zu aufwendig bezeichnet. (S. 8) Tatsächlich kann man immer wieder bei öffentlichen Bauvorhaben beobachten, dass kommunale Entscheidungsträger und/oder beauftragte Planer ein Unbehagen haben, wenn sie sich auf Bürgerbeteiligungen einlassen. Oftmals traut man sich nicht über den Willen der Bevölkerung hinweg zu entscheiden, andererseits weiß man nicht recht mit einer breiten Mitsprache umzugehen oder die Ergebnisse zu interpretieren.

Anstatt sich auf die praktischen Möglichkeiten und Chancen eines Beteiligungsprozesses zu konzentrieren werden zahlreiche Publikationen mit partizipativen Themen von einem – manchmal mehr, manchmal weniger – starken politischen Element getragen. Susanne Hofmann schafft es aber, gänzlich ohne politische Statements auszukommen, dafür aber sehr sachlich und präzise zu argumentieren. Die Erläuterung ihrer Methoden liegt dabei im Vordergrund. Sie legt maximalen Wert auf die Verständlichkeit ihrer Methodenbausteine und deren praktische Anwendbarkeit im Entwurfs- oder Planungsprozess.

Hofmann, seit 2009 Professorin für partizipatives Entwerfen und Konstruieren an der TU Berlin, initiierte dort 2003 das Studienreformprojekt „Die Baupiloten“, das sie seit 2014 als unabhängiges Büro mit Fokus auf partizipativ entwickelte Architektur führt. 2012 promovierte Susanne Hofmann zum Thema „Atmosphäre als partizipative Entwurfsstrategie“. Auf der Grundlage ihrer Dissertation entstand dieses Buch.

Dieses Buch ist für all jene empfehlenswert die an Beteiligungsprozessen oder alternativen Entwurfsmethoden interessiert sind, oder aber auch in ihrer Praxis damit zu tun haben. Es bietet einen Überblick über theoretische und praktische Überlegungen der Baupiloten, sehr praktisch anwendbare Methoden und pädagogische Impulse sowie eine Übersicht realisierter internationaler Projekte.

 

Autor: Nino Bijelić: Form follows fiction, in: GAM architecture magazine 12, Graz: 2016, S. 237-239.

Anmerkungen:

[1] Hahn, Achim: Über das Beschreiben der Wohndinge. Ein soziologischer Exkurs zum Barwert von Architektur, in: Wolkenkuckucksheim. Heft 2, 1997, 4f.

[2] Rätzel, Daniela: Erwachsenenbildung und Architektur im Dialog. Ein Beitrag zur dialogorientierten Konzeption von Räumen in der Erwachsenenbildung, Hamburg 2006, S. 197.

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