In Österreich gibt es rund 1,2 Millionen Einfamilienhäuser. Im Allgemeinen bestehen sie aus Kellergeschoss, Erdgeschoss, Obergeschoss und Dachgeschoss. Als Gesamtheit stellt das Einfamilienhaus das Erbe der bürgerlichen Revolution dar, deren Spiegel es ist. Dieses Modell des Familienhauses steht stellvertretend für Mehrfamilienhäuser und Familienwohnblocks, für alle Wohnungen, deren Grundriss für die Familie angelegt ist und das Zusammenleben der Menschen reglementiert. Mehr als 90% aller Wohnungen werden für eine standardisierte Lebensform gebaut. Die Planung des Hauses ist Planung des Lebens, gleichgültig ob es realisiert werden kann oder nicht. Immerhin stellte es noch 1997 für 73% der Wohnungssuchenden die “beste Form des Wohnens dar.”[1] Mit einer möglichen Realisierung des eigenen Hauses wird im Sinne der Moderne die “progressive Emanzipation von Vernunft und Freiheit durch die kapitalistische Techno-Wissenschaft erhofft.”[2] Der Gang zum Baumarkt, das Anlernen handwerklicher Tätigkeiten wie Maurern, Verputzen oder Fußboden verlegen ist im eigentlichen Sinn lernen, wie die Freiheit zu planen ist. Vilem Flusser sieht das Familienhaus als Metapher für die Gesellschaftsform der westlichen Welt. Hier werden die Verhaltensmuster eingelernt und an die Kinder weitergegeben. Im Erdgeschoss befindet sich die Werkstatt, “im ersten Stock wohnt der Meister, im zweiten seine Eltern.”[3] Im Erdgeschoss ist die Familiendynamik zu erkennen, hier lernen die Kinder ihr Handeln. Im ersten Stock wohnen die Eltern mit ihren Kindern, vor allem aber die tüchtige Hausfrau und Mutter, die auf den Meister wartet. Im zweiten Stock wohnen die Eltern des Meisters, die auf ihren Tod warten. Hier lernen die Kinder ihr historisch angestammtes Gedächtnis kennen.[4] Die Familie unterwirft sich dem Vater und der Vater unterwirft sich einem Herrn, beispielsweise dem Arbeitgeber. Die Familie mit all ihren Krisen ist, wie Flusser meint, zwischen Ober- und Erdgeschoss eingeschoben und hat daher weder Boden noch Dach, “sie ist aus der bürgerlichen Ordnung wie eine Schublade herausgezogen worden.”[5]

Der Blick auf Alleinwohnende erweckt den Anschein als ob die normierte Wohnform der Familie und damit die Distinktionsmechanismen der Moderne zwischen Frauen und Männern, zwischen Arbeitern, Angestellten, Managern oder Firmenbesitzer in Auflösung begriffen sind. Es scheint, als ob sich völlig neue Entwürfe des Zusammenlebens ergeben hätten und im Sinne einer postmodernen Pluralität, einem “anything goes”, sich die Menschen keinen Herrschaftsstrukturen mehr zu unterwerfen hätten.

Nur weil das Alleinwohnen immer mehr als legitime Wohnform anerkannt wird, heißt noch nicht, dass damit die Regeln der sozialen Ordnung des familiären Zusammenlebens verschwunden sind. An die Stelle der bürgerlichen Ordnung, die in der Moderne für die klassenspezifischen Distinktionsformen verantwortlich waren, sind neue kulturelle und soziale Ordnungen getreten. Die Aufgaben des familiären Kontroll- und Unterwerfungssystems sind zum Teil durch die Medien ergänzt worden, die von zentralen Sendern aus bedient werden. Die aufklärerische Autonomietradition ist mit dem vermeintlichen Ende der Familie nicht verschwunden, sondern ist zugunsten eines deskriptiven Individualismus verstärkt worden. Für sich selbst verantwortlich zu sein, ist zu einem Diktum geworden, dem man/frau sich nicht entziehen kann. In diesem Sinne leben wir in einer Enge, die durch den Zwang zum Individualismus obligatorisch ist. Das bestimmt besonders die Lebensform Alleinwohnender, zunehmend aber auch die der Menschen in Mehrpersonenhaushalten. Es gibt daher auch keine Bilder über die Zukunft, keine Moderne, die vollendet werden muss. Die Ordnung des Zusammenlebens ist dadurch bestimmt, sich vom anderen unterscheiden zu wollen. Das je eigens aufgestellte Distinktionsmodell, die Vorstellung über das eigene Ich ist es jedoch, was den Einzelnen mit dem Allgemeinen verbindet. “Über seine Quelle gebeugt, stillt Narziss seinen Durst: sein Bild ist nicht mehr etwas “anderes”, es ist seine eigene Oberfläche, eine Oberfläche, die ihn absorbiert, ihn verführt, ohne jemals darüber hinaus gehen zu können (…).”[6] Der Unterschied zum anderen besteht lediglich in der eigenen Vorstellung, “einzigartig” sein zu müssen. Die Möglichkeit, seine “Einzigartigkeit” wahrzunehmen, ergibt sich aus der selbst konstruierten Kombination von Interessen, Arbeit oder Freizeitgestaltung. Die Pluralität, die der Postmoderne zugeschrieben wird, stellt sich daher als Zwang zur Distinktion heraus. Das formt die scheinbar individuelle Identität und zeichnet jeden Einzelnen aus, macht scheinbar jeden unterschiedlich. Die Möglichkeit, sich gleichzeitig mit Bankangestellten, Computerfreaks und Skatern zu identifizieren, mit jungen und mit älteren Menschen, entsteht dadurch, weil immer mehr Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten ähnlichen Unsicherheiten, beispielsweise den Arbeitsplatz zu verlieren oder durch das soziale Netz zu fallen, ausgesetzt sind.

Der Zwang zur Distinktion ist es auch, der die Beziehungsnetzwerke formt. Er ist dafür verantwortlich, mit welchen Menschen wir zusammentreffen, welche Beziehungsnetzwerke gespannt werden. Das passiert nicht zufällig oder gar beliebig, sondern ist davon abhängig, welche Interessen man/frau vertreten, ob man/frau eine Arbeit, eine Beziehung zu einem Partner hat oder nicht. Die Bindung zu anderen Menschen, zu den Eltern des Partners oder ähnliches, stellt jedoch nichts mehr “von der Natur gegebenes” dar. Das Alleinwohnen ermöglicht es sehr gut, von nicht gewünschten Beziehungen Abstand zu halten. Manche Beziehungen bleiben aufrecht, manchen fehlt mehr und mehr die Grundlage. Die Beziehung muss nicht mehr der Familie wegen erhalten bleiben. Zwischenmenschliche Beziehungen sind immer weniger auf die Familie bezogen, sondern werden zunehmend zu einer scheinbar spielartigen Bewegung und die Anzahl der Bekannten flottiert ständig im Raum. Deshalb ist auch die “Liebe” ein Faden im Netzwerk. Es besteht nur mehr der eigene Sinn und der Sinn des anderen.[7]

Die veränderte Form des Zusammenlebens erhält im Umgang mit Beziehungen seine deutlichsten Ausdrucksformen. Denn das partnerschaftliche Zusammenleben ist zu einer “Lebensabschnittsgemeinschaft” geworden, die keine Kinder mehr zur Folge haben muss. Dabei verändert sich das Verhältnis zum Sex, denn er ist nicht mehr von Angst und Tabu bestimmt, sondern von der eigenen Phantasie.[8] Diese Phantasie wird als postmoderne Freiheit wahrgenommen, zumal sie beinhaltet, dass alles möglich ist, alles erreicht werden kann, wenn man/frau sich nur genügend engagiert. Die realen Möglichkeiten zeichnen jedoch eine anderes Bild.

Deshalb sind Wohnhäuser nicht aus dem Gedanken an ein inhaltsloses Gerüst ohne Form zu errichten, die von den Bewohnern erst fertig gebaut werden müssen. Es müssen Wohnhäuser zur Verfügung gestellt werden, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Diese Forderungen der wohnenden Menschen sind an den einleitend erwähnten Familienhäusern zu erkennen, die auch die häufigst genannte Idealform des Wohnens meiner InterviepartnerInnen darstellte. Einfamilienhäuser werden immer noch gebaut, weil keine alternativen Wohnmodelle für alternative Lebensformen angeboten werden. Dabei sind die Einfamilienhäuser längst nicht mehr das, was sie vorzugeben scheinen: Häuser für die ideale Familie. Seit dem Fertigteilhausbau wird nur mehr die Form des Einfamilienhauses kopiert. Der Inhalt, Eltern und Kinder, ist im Allgemeinen Simulation und entspricht nicht mehr den Gegebenheiten. Die Idee eines Wohnkonzeptes und die Art der Aneignung, die der Architekt vorgeben will, entspricht oft nicht den Vorstellungen der Menschen. Daher macht es keinen Sinn utopische oder emanzipatorische Wohnmodelle zu entwickeln, wenn sie nicht zumindest in Ansätzen den utopischen oder emanzipatorischen Vorstellungen der Nutzer entsprechen. Die Bewohner passen sich nicht an das Architektur-Objekt an, wenn es nicht ihrer Lebensweise entspricht. Sie sind nur wegen der überhöhten Wohnungspreise dazu gezwungen. Und warum sollten Architekten Utopien oder neue Wohnkonzepte erfinden, wenn sie ohnehin von den Menschen, gleichgültig ob sie allein oder in Mehrpersonenhaushalten wohnen, ausreichend vorgegeben und gefordert werden.

 

Autor: Manfred Omahna: Wohnungen und Eigenräume. Über die Pluralität des Wohnens am Beispiel von Einpersonenhaushalten, Grazer Beiträge zur Europäischen Ethnologie, Band 13, Frankfurt am Main, Berlin, Bern u.a., Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften: 2003.

Anmerkungen:

[1] Die Presse, Spectrum, Samstag 13/14. Juni 1998.

[2] Jean-Francois Lyotard: Randbemerkungen zu den Erzählungen, in: Peter Engelmann (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion – Texte französischer Philosophen der Gegenwart, Stuttgart: 1997, S. 49.

[3] Vilém Flusser: vom Subjekt zum Projekt – Menschwerdung, Frankfurt a.M.: 1998, S. 75.

[4] vgl. ebd. S. 76f.

[5] ebd.

[6] ebd.

[7] vgl. ebd. S. 107.

[8] vgl. Baudrillard: Von der Verführung, München: 1992,  S. 59.

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